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Lesedauer ca.: 7 Minuten

„Wir haben ein Kommunikationsproblem.“

Diesen Satz höre ich in fast jedem ersten Gespräch. Und in den meisten Fällen stimmt er nicht.

Die Paare, die zu mir in die Beratung kommen, können reden. Sie formulieren klar, sie hören einander zu, sie finden Worte für Kompliziertes. Was ihnen fehlt, ist kein Werkzeug für bessere Gespräche. Zwischen ihnen steht ein Machtspiel in der Beziehung, und sobald dieses Wort im Raum liegt, trifft es fast immer einen wunden Punkt.

Der Satz, der beide zusammenzucken lässt

Sobald ich in einer Sitzung sage: „Das klingt für mich nach einem Machtspiel“, verändert sich etwas im Raum. Einer der beiden Partner zuckt zusammen, manchmal beide gleichzeitig. Diese Reaktion überrascht mich längst nicht mehr.

Sie zeigt mir: Das Thema macht etwas mit Ihnen. Es trifft eine Stelle, an der Sie empfindsam sind. Genau dort funktioniert Ihre Kommunikation nicht mehr, obwohl Sie beide gut miteinander reden können.

Das ist der Unterschied, den viele Paare übersehen. Ein Kommunikationsproblem betrifft die Form: Wie sagen Sie etwas? Ein Machtspiel in der Beziehung betrifft den Inhalt: Wer bestimmt, wer passt sich an, wer gibt nach.

Weshalb Paare lieber von Kommunikationsproblemen sprechen

Aus welchem Grund sagen die meisten Paare trotzdem: „Wir haben ein Kommunikationsproblem“? Die Antwort ist einfach. Dieser Satz lässt sich leichter aussprechen als: „Ich fühle mich klein, wenn du mich kritisierst.“ Oder: „Ich brauche Kontrolle, weil ich Angst vor Zurückweisung habe.“

Ein Kommunikationsproblem klingt nach einer Technik, die sich reparieren lässt. Ein Gesprächsseminar, drei neue Regeln für die Streitkultur, fertig. Ein Machtspiel in der Beziehung verlangt etwas ganz anderes von Ihnen: sich zu zeigen. Mit Ihrer Angst, Ihrer Wut, Ihrer Unsicherheit. Das möchte niemand freiwillig.

Wie ein Machtspiel in der Beziehung im Alltag aussieht

Ein Machtspiel läuft selten laut ab. Es zeigt sich in kleinen, wiederkehrenden Mustern: Einer bestimmt den Ton eines Gesprächs, der andere passt sich an. Einer entscheidet, welches Thema überhaupt zur Sprache kommen darf, der andere schluckt seine Bedenken herunter.

Nach außen wirkt eine solche Beziehung oft stabil. Kein lautes Geschrei, keine Türen, die knallen. Nach innen zehrt dieses Muster an beiden Partnern, auf jeweils unterschiedliche Weise. Wer nachgibt, verliert den Kontakt zu sich selbst. Wer bestimmt, trägt eine Anspannung mit sich, die er selten benennen kann.

Vier Anzeichen für ein Machtspiel in der Beziehung

Vier Muster begegnen mir in meiner Arbeit besonders häufig.

1. Dasselbe Thema kehrt zurück, ohne sich zu bewegen

Sie sprechen über dieselbe Frage zum zehnten Mal, mit denselben Argumenten und demselben Ergebnis. Nichts verändert sich. Was aussieht wie ein Kommunikationsproblem, ist ein Ringen um dieselbe Position.

2. Wünsche kommen als Vorwürfe an

Statt „Ich wünsche mir mehr Nähe“ hören Sie „Du bist emotional nicht erreichbar“. Der Wunsch verschwindet hinter der Anklage, und Ihr Partner hört ausschließlich den Angriff.

3. Einer fühlt sich nach jedem Gespräch kleiner

Diese Person zieht sich zurück, wird stiller und übernimmt zunehmend die Rolle des Nachgebenden. Von außen sieht das nach Harmonie aus. Von innen fühlt es sich nach Rückzug an.

4. Auf Kritik folgt Rechtfertigung statt Neugier

Sobald ein Thema angesprochen wird, kommt sofort eine Verteidigung. Keine Frage, kein echtes Interesse an der Sicht des anderen. Erkennen Sie sich oder Ihre Beziehung in einem dieser Punkte wieder? Dann lohnt sich ein genauerer Blick.

Impulse wie diesen schicke ich regelmäßig in meinem LahmeLive-Letter. Kurze Gedanken zu Nähe, Konflikt und Beziehung, direkt in Ihr Postfach.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit

Ein Paar kam vor einigen Monaten zu mir, beide Mitte vierzig, seit siebzehn Jahren zusammen. Ihr Anliegen: „Wir reden aneinander vorbei, wir brauchen bessere Kommunikationstechniken.“ Beide wirkten sprachlich versiert, klar und reflektiert. Von einem Kommunikationsproblem konnte keine Rede sein.

In der zweiten Sitzung wurde deutlich, worum es tatsächlich ging. Sobald die Frau einen eigenen Wunsch äußerte, etwa mehr Zeit für sich allein, reagierte der Mann mit einer langen Erklärung, aus welchem Grund das gerade ungünstig sei. Er sprach nie offen dagegen. Er verzögerte, relativierte, argumentierte. Am Ende gab die Frau meist nach, aus Erschöpfung.

Was da lief, war ein stilles Machtspiel in der Beziehung, ein Ringen um Kontrolle. Der Mann hatte gelernt, seine Unsicherheit über Bindung durch Steuerung zu regulieren. Die Frau hatte gelernt, Konflikte durch Rückzug zu vermeiden. Beide Strategien passten perfekt zueinander, und genau deshalb hielt sich das Muster so lange.

Erst als beide ihren jeweiligen Anteil benannten, veränderte sich das Gespräch. Gefehlt hatte nie die Technik. Gefehlt hatte die Bereitschaft, den eigenen Mechanismus anzusehen.

Die unbequeme Wahrheit hinter jedem Machtspiel

Wer genau hinschaut, stößt schnell auf einen Gedanken, den kaum jemand gerne ausspricht: Ich möchte, dass sich mein Partner ändert. Und ich selbst bleibe, wie ich bin. Dann bräuchten wir keine Konflikte mehr.

Diese Sehnsucht kenne ich aus vielen Beziehungen, die ich begleite. Ein Partner würde den anderen am liebsten so formen, dass jede Reibung verschwindet. Das ist zutiefst menschlich, denn Reibung tut weh. Eine Beziehung ohne Reibung existiert allerdings nicht. Sie haben die Wahl, ob Sie diese Reibung gemeinsam anschauen oder gegeneinander ausspielen.

Die bequeme Erklärung vom Kommunikationsproblem

Der Wunsch nach einem reinen Kommunikationsproblem ist verständlich. Er erlaubt Ihnen, an der Oberfläche zu bleiben. Sie besuchen ein Kommunikationstraining, üben aktives Zuhören und lernen Ich-Botschaften. All das hat seinen Wert, und gute Kommunikation ist in jeder Partnerschaft ein Grundpfeiler. Sie löst jedoch nichts, solange darunter ein Ringen um Anerkennung, Kontrolle oder Sicherheit läuft.

In meinen Sitzungen begegnen mir häufig Paare, die bereits mehrere Kommunikationsseminare besucht haben. Die Techniken sitzen. Trotzdem streiten sie über dieselben Themen wie vor Jahren. Das zeigt: Es geht kaum um das Wie. Es geht um das Wer.

Was ein unerkanntes Machtspiel in der Beziehung über Jahre anrichtet

Ein unerkanntes Muster verschwindet nicht von selbst. Es wird leiser, es verändert seine Form, und es bleibt aktiv. Über Jahre hinweg entwickelt sich daraus häufig eine von zwei Richtungen.

In der ersten zieht sich der nachgebende Partner immer weiter zurück. Aus gelegentlichem Einlenken wird dauerhafte Anpassung. Diese Person verliert Stück für Stück den Kontakt zu eigenen Bedürfnissen, bis sie sich selbst kaum noch wiedererkennt. Häufig folgt eine tiefe innere Distanz, lange bevor sich äußerlich etwas verändert.

In der zweiten Richtung eskaliert das Muster. Kleine Meinungsverschiedenheiten wachsen sich zu großen Konflikten aus, weil unter der Oberfläche längst ein Kampf tobt, den beide nie offen ausgesprochen haben. Jedes neue Thema wird zur Bühne für einen alten, ungelösten Streit.

Beide Richtungen haben eines gemeinsam. Sie entstehen, weil das eigentliche Thema nie beim Namen genannt wurde. Statt „Wir ringen um Kontrolle in dieser Beziehung“ hieß es immer nur „Wir müssen an unserer Kommunikation arbeiten“. Diese Verwechslung kostet Paare oft Jahre.

Der erste Schritt aus dem Machtspiel

Der Ausweg beginnt selten mit einem großen Gespräch. Er beginnt mit einer einzigen Frage an sich selbst: Wo in unserer Beziehung möchte ich, dass sich mein Partner ändert, damit ich mich nicht ändern muss?

Schreiben Sie Ihre Antwort auf. Für sich selbst, ohne sie sofort mit Ihrem Partner zu teilen. Diese eine Frage verschiebt bereits etwas in Ihnen. Sie holt Sie aus der Position des Anklägers und stellt Sie vor Ihren eigenen Anteil am Muster.

Viele meiner Klienten berichten, dass genau dieser Moment der Wendepunkt war. Das leise Erkennen wiegt hier schwerer als das große Aussprechen: Ich bin Teil dieses Spiels, nicht nur Zuschauer.

Eine Übung für den Einstieg

Nehmen Sie sich zehn Minuten Zeit, allein und ohne Ablenkung. Denken Sie an das Thema, das in Ihrer Beziehung am häufigsten wiederkehrt, und beantworten Sie für sich drei Fragen.

  • Was genau möchte ich, dass mein Partner anders macht?
  • Welches Gefühl in mir versuche ich damit zu vermeiden?
  • Welchen Anteil an diesem Muster trage ich selbst, unabhängig davon, was mein Partner tut?

Die dritte Frage ist die unbequemste und genau deshalb die wichtigste. Sie führt weg vom Machtspiel und hin zu echter Selbstverantwortung. Ohne diesen Schritt bleibt jede Kommunikationstechnik wirkungslos, weil sie an der Oberfläche ansetzt, während der eigentliche Konflikt in der Tiefe weiterläuft.

Was sich verändert, wenn Sie hinsehen

Sobald ein Paar das Machtspiel in der Beziehung benennt, verändert sich die Gesprächsebene. Aus „Du hörst mir nie zu“ wird „Ich brauche in diesem Moment das Gefühl, gesehen zu werden“. Aus „Du bestimmst immer“ wird „Ich habe Angst, meinen Platz in dieser Beziehung zu verlieren“.

Diese Verschiebung braucht Mut. Sie verlangt von beiden Partnern, die eigene Rolle im Muster anzuerkennen, statt auf den anderen zu zeigen. In meiner Arbeit begleite ich Paare genau durch diesen Schritt: weg vom Vorwurf, hin zur ehrlichen Frage nach dem eigenen Anteil. So entsteht Stück für Stück wieder eine respektvolle Beziehung, in der beide Platz haben.

Die gute Nachricht: Dieser Prozess lässt sich lernen. Kein Paar muss den Weg allein gehen, und kein Paar muss ihn perfekt gehen. Es reicht, wenn erst einer von beiden bereit ist, genau hinzusehen. Der Rest entwickelt sich gemeinsam.

Häufige Fragen zum Machtspiel in der Beziehung

Bedeutet ein Machtspiel, dass ein Partner den anderen bewusst steuern will?

Nein. Die meisten Machtspiele entstehen unbewusst, oft über Jahre gewachsen aus Kindheitsmustern, Ängsten oder früheren Beziehungserfahrungen. Kaum ein Partner setzt sich morgens hin und plant, den anderen zu kontrollieren. Das Muster entwickelt sich schleichend, aus Schutzstrategien, die irgendwann zu Gewohnheiten wurden.

Kann sich ein Machtspiel in der Beziehung auch ohne Paarberatung auflösen?

In manchen Fällen ja, wenn beide Partner bereit sind, ihren eigenen Anteil ehrlich anzuschauen. Häufig braucht es einen neutralen Blick von außen, weil beide zu tief im eigenen Muster stecken, um es allein zu erkennen. Ein geübter Blick verkürzt diesen Prozess erheblich.

Woran unterscheide ich ein Machtspiel von einer normalen Meinungsverschiedenheit?

Eine normale Meinungsverschiedenheit lässt sich klären und ist danach erledigt. Ein Machtspiel kehrt in immer neuen Varianten zurück, obwohl das ursprüngliche Thema längst geklärt schien. Wenn Sie das Gefühl haben, denselben Streit in wechselnden Verkleidungen zu führen, steckt meist mehr dahinter als das aktuelle Thema.

Sind Kommunikationsprobleme immer ein Machtspiel in der Beziehung?

Nicht immer. Manche Paare haben tatsächlich nie gelernt, über Gefühle zu sprechen, und profitieren sehr von neuen Gesprächswerkzeugen. Ein verlässliches Erkennungszeichen: Wenn Techniken kurzfristig helfen und das alte Muster nach wenigen Wochen zurückkehrt, liegt die Ursache tiefer.

Wenn Sie erkennen: Das betrifft auch meine Beziehung

Vielleicht haben Sie sich in diesem Artikel wiedererkannt. Vielleicht führen auch Sie seit Monaten oder Jahren dieselbe Diskussion, ohne dass sich etwas bewegt. Das ist kein Zeichen von Schwäche. Es ist ein Zeichen dafür, dass Sie bereit sind, genauer hinzuschauen, als die meisten Paare es tun.

In einem Impulsgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihr Muster. Ohne Bewertung, mit über 20 Jahren Erfahrung aus tausenden Gesprächen. Sie erfahren, welches Machtspiel in der Beziehung sich hinter Ihrem vermeintlichen Kommunikationsproblem verbirgt und welcher erste Schritt zu Ihnen beiden passt.

Vereinbaren Sie Ihr Impulsgespräch: 0211 / 59 82 07 40
Hier finden Sie mehr über meine Arbeit als Eheberaterin in Düsseldorf.

Ihre
Sabine Lahme

Ich heiße Sabine Lahme und begleite seit vielen Jahren als geprüfte Psychologische Beraterin und systemischer Coach Paare und Einzelpersonen, die sich in einer Ehekrise, in wiederkehrenden Paarkonflikten oder in schwierigen Beziehungsphasen neu sortieren und wieder in Verbindung kommen wollen. Zusätzlich arbeite ich als Unternehmens-, Management- sowie Fach- und Führungskräfte-Coach und bin zertifizierte Mediatorin und Resilienztrainerin. Als Buchautorin, Dozentin und Speakerin vermittle ich meine Impulse außerdem in Vorträgen und Weiterbildungen – klar, menschlich und mit Blick auf das, was im Alltag wirklich funktioniert. Privat liebe ich echte Gespräche, gute Bücher und die Natur – am liebsten mit meinen Hunden oder auf Wanderwegen an der Seite meines Mannes.